TOPTHEMEN
22.02.2010
Mehr Raum für den Dom - Zweite Chance für die Ostseite
Die Stadt will sich erneut um Geld aus dem Bundesbauministerium für die Stadtreparatur an der Ostseite der Kathedrale bewerben
Sie gilt als eine der hässlichsten Ecken von Köln: die Ostseite des Kölner Doms. Während weltweit Kathedralen, Dome und Hauptkirchen sowie deren Umgebung eine der hervorragendsten Visitenkarten der jeweiligen Stadt abgeben, wird der jahrzehntelange nachlässige Umgang mit dem Kölner Wahrzeichen im Osten besonders augenfällig. Das brillante gotische Strebewerk, das die äußere Umgebung des inneren Kapellenumgangs hinter dem Hochchor stützt, kann seine erhabene Wirkung eigentlich gar nicht entfalten, weil sich gerade hier die als Domplatte bezeichnete Platzgestaltung besonders deutlich wie ein zu enger Kragen um die Kathedrale legt. Dabei wäre es doch insbesondere an dieser Stelle so wunderbar, die Füße des Gotteshauses, will sagen: den unter der Platte befindlichen Teil des Domes, unverstellt und unbebaut erleben zu können. Schließlich befindet sich hier auch der Eingang zu einer religions- und kunsthistorisch weltweit besonders wertvollen, aber leider nur Kennern bekannten Sehenswürdigkeit, nämlich dem frühchristlichen Baptisterium aus dem fünften Jahrhundert. Ganz zu schweigen davon, dass die dort vor dem Dom aufgestellte Skulptur des römischen Weingottes Dionysos sowie der gleichnamige Hof gar nicht erst zur Geltung kommen.
Ein verwahrloster Ort
Wer die wenigen Meter Fußweg vom Bahnhofsvorplatz hier entlang zur Philharmonie nimmt, kann durch den vielen Autoverkehr, die Tunnelatmosphäre sowie manch impertinente Gerüche eindrucksvoll die städtebauliche Verwahrlosung an diesem Ort erspüren. Urbane Qualität im Sinne einer für die Menschen geplanten Stadt, wie der Frankfurter Architekt und Verfasser des städtebaulichen Masterplans für Köln, Professor Albert Speer, bei einem Abend im Kölner Presseclub im vergangenen Jahr die Aufgabe von Stadtplanung plakativ zusammenfasst hatte, sieht anders aus.
Nun bietet sich für die Stadt Köln die eigentlich einmalige und bereits vertane Gelegenheit zur Stadtreparatur an der Ostseite doch zum zweiten Mal. Denn das Bundesbauministerium hat in seinen Haushalt nochmals ins gesamt 100 Millionen für deutsche Welterbestätten eingestellt, von denen in den Jahren 2010 bis 2014 jeweils 20 Millionen ausgeschüttet werden – vorbehaltlich der definitiven Verabschiedung des Bundeshaushalts durch den Deutschen Bundestag. Wenn der Etat bewilligt sei, würden die deutschen Welterbestätten angeschrieben und aufgefordert, sich zu bewerben, erklärt auf Anfrage eine Sprecherin des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Die Städte seien gut beraten, sich auf dieses Verfahren schon jetzt entsprechend vorzubereiten. Das will die Stadt Köln unbedingt. „Mit dem Geld könnten wir wohl die unansehnliche Situation an der Ostseite beseitigen“, erklärt Kölns Stadtentwicklungsdezernent Bernd Streitberger.
14 Millionen Euro vom Bund
Bei einer entsprechenden Bewilligung übernähme der Bund zwei Drittel, die Kommune ein Drittel der Gesamtkosten. Das Projekt Ostseite wird auf 21 Millionen Euro veranschlagt. Das würde bedeuten, dass die Stadt dafür sieben Millionen Euro bereitstellen müsste, die sie eigentlich nicht hat. Streitberger setzt im Bewilligungsfall aber auf eine Lösung, denn: „Ich glaube nicht, dass diese eigentlich einmalige Gelegenheit ein drittes Mal wiederkommt.“ Zur Erinnerung: Schon im vergangenen Jahr hatte sich diese Gelegenheit ergeben, damals wurden sogar 150 Millionen aus dem Berliner Ministerium bereitgestellt, um deren Ausschüttung sich die 33 deutschen Unesco-Weltkulturerbestätten bewerben konnten. Köln blieb jedoch wegen veralteter Konzepte, Uneinigkeit vor Ort und ungeklärter Urheberrechtsfragen in der vom Ministerium eingesetzten unabhängigen Expertenkommission unberücksichtigt, so die Ministeriumssprecherin.
Konsens ist Ziel
Seit Mitte Januar nun treffen sich in insgesamt vier Sitzungen rund 50 Repräsentanten der Stadtgesellschaft als Vertreter verschiedenster Dom-Anlieger und Institutionen, um ein tragfähiges Gesamtkonzept für eine erneute Bewerbung vorzubereiten. Mit dabei sind beispielsweise Dombauverwaltung und Dompropstei, das Römisch-Germanische Museum, Hotels, Philharmonie, Bahnhofsmanagement, Zentral-Dombau-Verein, Rheinischer Verein für Denkmalschutz und Landschaftspflege, Haus der Architektur und andere mehr. Mit dabei sind auch die Architekten Peter Busmann und Godfried Haberer, die als Erbauer von Philharmonie und Museum sowie die dazugehörige an den Dom grenzende Außengestaltung ebenso Urheberrechte geltend machen wie ihr Kollege Christian Schaller, dessen Vater Fritz für die Domplatte verantwortlich zeichnete.
Grundlage der Gespräche ist der Entwurf eines Münchener Architekturbüros, der im Jahr 2002 als Sieger aus einem Workshop über die mögliche Neugestaltung der Ostseite hervorgegangen ist. „Am Ende der Gespräche soll ein Konsens über die inhaltliche und städtebauliche Aufweitung gemäß dem von der Expertenkommission geforderten Gesamtkonzept stehen“, gibt Streitberger als Ziel aus. Er verweist in diesem Zusammenhang aber auch darauf, dass es bereits abschnittweise zu attraktiven Lösungen gekommen ist, um dem Dom mehr Raum zu geben, etwa die großzügige Treppe am Bahnhofsvorplatz oder auch das neue Gebäude für die Zugänglichkeit zur Turmbesteigung und zu den Ausgrabungen unter Deutschlands beliebtester Sehenswürdigkeit.
Altes Problem
Hätte die Stadt sich doch nur seinerzeit an ihre Verpflichtungen gehalten, wäre die gesamte Debatte nicht nötig! „Der Zentral-Dombau-Verein hat in der Zeit von 1882 bis 1902 rund um die Kathedrale insgesamt 26 Grundstücke aufgekauft und mit der Verpflichtung an die Stadt übertragen, dass diese für eine würdige Domumgebung sorgt“, wies die Historikerin Carolin Wirtz in ihrem Ende 2008 vorgelegten Buch „Dass die ganze Umgebung des Domes eine würdige Umgebung erhalte“ nach. Zu dieser Verpflichtung gehörte auch, so die Bonner Wissenschaftlerin, „die Grundstücke nach Abriss der darauf befindlichen Bebauung als öffentlichen Platz frei liegen zu lassen, nicht wieder zu bebauen und ausschließlich Fußgängern vorzubehalten“. Die Diskussion über die würdige Domumgebung tobte wohl schon damals, denn in einer Quelle aus dem Jahr 1890 heißt es: „Der weite Bau des Domes war von Häusern und Häuschen aller Art eingekeilt und eingepanzert, schmutzige Schmarotzerpflanzen wucherten am Fuße des verfallenen Riesenleibs, an der Südseite war noch ein Kirchlein angeklebt und Gemüseweiber benutzten, mit ihren Körben auf dem Kopfe, den Dom zur Durchgangsstraße, um sich die Wege abzukürzen.“
Constantin Graf von Hoensbroech

