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17.06.2010
Albert Speer: Stadtplanung hat zu wenig Priorität
„Die Politik ist ein bisschen langsamer“
Dieter Balkhausen, Journalist und ehemaliger Wirtschaftsredakteur beim ZDF, sprach exklusiv für „EIGENTUM aktuell“ mit dem Stadtplaner Prof. Dipl. Ing. Albert Speer, der für Köln den Masterplan entwarf.
Dieter Balkhausen: Herr Prof. Speer, Ihr Masterplan für Köln atmet die Hoffnung, dass unsere Stadt schöner werden soll. Großer Tusch bei der Vorstellung! Und nun, ein Jahr später, kaum Fortschritte. Enttäuscht Sie das?
Albert Speer: Ja, das enttäuscht also schon ein bisschen, weil wir mit einem großen Elan gestartet sind, aber es gibt auch viele Gründe, warum das so ist. Der erste Grund sind die Kommunalwahlen. Wir haben den Masterplan abgeschlossen ein halbes Jahr vor den Kommunalwahlen, er ist dann noch vom alten Stadtrat beschlossen worden und dann ist da eine Pause eingetreten. Aber die ist demokratisch üblich. Und das zweite ist die große U-Bahn- und Archivkatastrophe, die alle Kräfte in der Kölner Verwaltung und Politik über fast ein Jahr komplett gelähmt hat.
D.B.: Ja, aber Sie sagten, Sie sind doch ein wenig enttäuscht. Der Charme der Diskretion, würde ich sagen. Man kann auch Pläne weitertreiben, ohne dass man nun immer auf das und das achtet.
A.S.: Ja.
D.B.: Die Stadt hat ja auch große Finanzprobleme.
A.S.: Genau, dies ist das Dritte, was hinzukommt. Die Kassenlage in allen großen Städten ist hundsmiserabel und wird in den nächsten Jahren voraussichtlich nicht besser – eher noch schlechter. Aber es ist ja eigentlich immer richtig, in Zeiten leerer Kassen zu planen, sodass man dann etwas hat, was man ausführen kann, wenn wieder ein bisschen mehr Geld da ist. Diese Phase haben wir jetzt begonnen, aber eben jetzt erst, und Mitte Juni tritt der Lenkungskreis wieder zusammen. Da werden wir ganz intensiv über die Ringe diskutieren.
D.B.: Nur über die Ringe? Oder auch .....
A.S.: Nein, auch über andere Dinge. Aber im Mittelpunkt stehen die Ringe, von denen ich meine, dass sie für Köln von ganz besonderer Bedeutung sind.
D.B.: Haben Sie denn schon mal mit dem neuen Oberbürgermeister reden können?
A.S.: Natürlich, und der Herr Oberbürgermeister war sehr aufgeschlossen und interessiert, dass wir den Masterplan fortsetzen und umsetzen.
D.B.: Und was hat er Ihnen versprochen? Also ich denke immer an die roten Zahlen!
A.S.: Nein, versprochen hat er uns also direkt nichts. Seine Unterstützung, dass ist ja auch schon etwas.
D.B.: Sie meinen mehr kann man denn in einer Stadt, wo viele Bausünden natürlich aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg gemacht worden sind, wie in allen Städten auch, nicht verlangen.
Die Kölner neigen dazu zu glauben, es tut sich hier zu wenig. Köln ist auf der schiefen Bahn, und das ist ja ein Grund für den Masterplan, dass Köln davon wegkommt.
A.S.: Ja, der Grund für den Masterplan war im Wesentlichen der, dass man ein Zukunftskonzept für einen längerfristigen Zeitraum haben wollte.
D.B.: Sie haben viel Erfahrung in anderen großen Städten, auch international. Ist ihnen nichts über die Kölner Mentalität bekannt, über den Schlendrian.
A.S.: Doch, doch, die Kölner Mentalität ist mir also schon bekannt und ich habe öfters mal gesagt, das die Kölner sehr schnell von irgendetwas begeistert sind, Dinge auch beschließen und hinterher sich überlegen, ob das überhaupt richtig ist. Also diese Spontanität der Kölner, die ist mir sehr bewusst. Die Politik ist ein bisschen langsamer, habe ich das Gefühl.
D.B.: Also die einfache Frage liegt nahe: Kann sich Köln den Masterplan überhaupt leisten?
A.S.: Ja, aber sicher, denn wie ich das vorhin schon gesagt habe, planen und nachdenken kosten ja meistens nicht viel Geld, jedenfalls nicht im Verhältnis zu dem, wenn man dann baut.
D.B.: Der Masterplan umfasst auch den Deutzer Hafen. Hier haben wir seit eineinhalb Jahren Fehlstand, weil sich in der Verwaltung die Dezernate Stadtentwicklung und Wirtschaft nicht einig sind. Ist es da nicht Aufgabe auch des Oberbürgermeisters, das Ganze zur Chefsache zu machen und da eine einheitliche Verwaltungsmeinung herzustellen?
A.S.: Also wenn ich es richtig weiß, hat der Oberbürgermeister das Referat Stadtentwicklung an sich gezogen. Die großen Themen, wie also Deutzer Hafen, die gehören in den Bereich Stadtentwicklung.
D.B.: Meinen Sie, die Politik sollte Sie auch weiterhin befragen?
A.S.: Wir können ja nicht nach Köln fahren und sagen, ich möchte gern den Herrn Oberbürgermeister sprechen, weil ich zu dem und dem eine Meinung habe. Wir sind Berater der Stadt, wenn man uns braucht, sind wir jederzeit da. Nur von allein können wir uns schlecht in den Vordergrund spielen.
D.B.: Haben Sie denn den Eindruck, dass die Politik da auf Ihr Beratungsangebot nicht genügend eingeht?
A.S.: Ich habe ganz allgemein den Eindruck, dass Stadtentwicklung und Stadtplanung in der politischen Priorität ziemlich weit hinten ist.
D.B.: Herr Prof. Speer, zum Schluss: Wir haben den Eindruck, dass Sie mindestens noch sieben, acht Jahre regelmäßig in Köln sind.
A.S.: Ja, das bin ich auch!
Professor Albert Speer wurde 1934 in Berlin geboren und spezialisierte sich nach Schreinerlehre, Abendschulabitur sowie einem Studium der Architektur in München auf die Planung ganzer Städte und Regionen weltweit. Über 25 Jahre war Prof. Speer Lehrstuhlinhaber für Stadt- und Regionalplanung an der TU Kaiserslautern. Sein 1964 gegründetes Architekturbüro AS&P-Albert Speer & Partner GmbH stellte vor Kurzem den Masterplan für die Innenstadt Köln sowie die Handlungsperspektiven für Frankfurt 2030 vor und arbeitet aktuell u.a. an der Vorbereitung für die Bewerbung zu den Olympischen Winterspielen 2018 in München und an großen Stadtplanungsprojekten in Kairo und den Megacities Chinas.
1995 hat er die Professor Albert Speer-Stiftung gegründet. Seit 2008 ist er Mitglied im Kuratorium Nationale Stadtentwicklungspolitik. Albert Speer wurde mit der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt, dem Großen Architekturpreis und dem Verdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.
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